Unconscious Bias Workshop - Auftakt der Initiative “BEAutiful”
Text: Jonas Wegener / Fotos: Tanina Schlieker
24.06.2022
Biases, auf Deutsch Wahrnehmungsverzerrungen, begleiten uns tagtäglich. Viele davon kreieren wir unbewusst (unconscious) über sogenannte Filterfunktionen, da unser Gehirn die schiere Menge an Sinneswahrnehmungen pro Sekunde (11 Mio.) ansonsten gar nicht verarbeiten könnte. Dies führt jedoch dazu, dass wir Informationen teilweise zu schnell in bekannte Denkmuster einordnen, ohne sie jemals zu hinterfragen, was zu Diskriminierung bestimmter Personen(gruppen) führen kann.
Der 23. BEA-Jahrgang hat sich deshalb während seiner zweiten Präsenzphase im Frühjahr 2022 mit dieser Thematik beschäftigt. Ziel war es, ein Bewusstsein für Wahrnehmungsverzerrungen zu schaffen und Maßnahmen zu entwickeln, wie wir bestmöglich auf diese reagieren können. Den Workshop organisierte die vom 23. Jahrgang ins Leben gerufene Initiative „BEAutiful“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Diversity-Kompetenzen zukünftiger Führungskräfte zu stärken und eine für Diskriminierung sensibilisierte Haltung zu fördern..
“The eye sees only what the mind is prepared to comprehend” - Robertson Davies
Die Gruppe startete mit dem Eisbergmodell nach Freud, welches darauf aufmerksam macht, dass wir viele Eigenschaften einer Person, wie z. B. den familiären Hintergrund, die Sprache oder die mentale Gesundheit, auf den ersten Blick gar nicht sehen können. Nichtsdestotrotz bilden wir tagtäglich auf Basis unserer Eindrücke Assoziationen, z. B. wenn wir eine Person mit Tattoos sehen, und fallen dabei häufig in Denkmuster. Um diese zu hinterfragen wurden die Teilnehmenden gebeten, einen Implicit Accociation Test (IAT) der Harvard University durchzuführen; beispielsweise zum Thema Sexuality, Disability oder Weight. Dieser fragt in hohem Tempo ab, ob wir positive Attribute wie „fantastic“ oder „joyful“ z. B. eher einer dünnen oder eher einer dicken Frau zuschreiben würden. Die Testergebnisse überraschten nicht wenige Stipendiatinnen und Stipendiaten: „Wow, hier steht, ich präferiere zu 82 % dünne Personen“, ruft eine Person. Eine andere wiederum sagt: „Bei mir sind es zu 74 % Menschen ohne Behinderung!“. Obwohl Studien zum IAT dessen Vorhersagekraft für Diskriminierung in den Kontexten hiring, education, healthcare und law enforcement belegen, wird auf der Internetseite des Tests angemerkt, dass ein einmaliges Durchführen nur eine geringe Aussagekraft über zukünftiges Verhalten besitzt. Nichtsdestotrotz hat das „An die Oberfläche bringen“ von unbewussten, diskriminierenden Denkmustern zu einigen Irritationen in der Gruppe geführt. (Für mehr Informationen zum Test: https://implicit.harvard.edu/implicit/selectatest.html)
Bevor das offizielle Schweigen am ersten Abend eingeläutet wurde, sprachen wir mit unseren Begleitpersonen im Jesuiten-Kloster über das Thema Glaube. Dabei zeigten sich diverse Beziehungen zum Glauben und zur Institution Kirche in unserer Gruppe: Für einige von uns spielen Glaube und Kirche auch heute noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Andere wiederum hatten bisher keine oder nur wenige Bezüge zur Kirche. Anfangs waren unsere Gastgeber von diesen diversen Hintergründen überrascht. Doch sie haben sich sichtlich bemüht, uns allen in den nächsten Tagen den nötigen Freiraum zu geben. Freiraum, um für einen Moment innezuhalten. Um bei sich selbst sein zu können. Um man selbst zu werden.
Manchmal ist es eben anders als gedacht
Im Anschluss ging es darum, die verschiedenen Typen kognitiver Wahrnehmungsverzerrungen kennenzulernen. Alle Leserinnen und Leser des Buches „Thinking, fast and slow“ von Daniel Kahnemann dürften an dieser Stelle einen Wissensvorsprung gehabt haben, da viele der im Seminar behandelten Effekte auch im Buch vorkommen. Einer von ihnen ist der sogenannte „Confirmation Bias“, welcher unsere Annahme, wir hätten die Situation vor einer Entscheidung stets objektiv beurteilt, widerlegt. Denn wir Menschen wählen, deuten und gewichten Informationen so, dass sie in unser eigenes Weltbild passen. Daher sollten wir zunächst nicht davon ausgehen, dass wir mit unserer Einschätzung zwingend richtig liegen, sondern versuchen, uns so wenig wie möglich von unseren bekannten Denkmustern treiben zu lassen. Ein anderer Effekt, der besprochen wurde, ist der sogenannte „Mini me effect“. Dieser tritt häufig in Auswahlgesprächen auf, wenn wir denken, wir rekrutieren objektiv und ausschließlich nach der Qualifikation oder Persönlichkeit, die am besten zum Job passt. In Wirklichkeit aber fühlen sich Personen, die ähnlich aussehen, ähnliche Interessen vertreten und ähnliche Charaktereigenschaften haben, stärker miteinander verbunden, was dazu führen kann, dass wir eindimensional denken und auswählen. Wir sollten uns diesem Effekt bewusstwerden und auch Menschen gegenüber offen sein, die vielleicht anders sind als wir selbst.
Diskriminierung im Berufsleben – was wir tun können, um eine inklusivere Kultur zu leben
Die zuvor genannten Effekte können Steilvorlagen für – mehr oder weniger bewusste – Diskriminierung sein; so auch im Berufsleben: Erhebungen wie der BCG Report 2020 zeigen, dass 3 von 4 LGBTIQ+-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter unregelmäßig bis regelmäßig Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren. Dies wirkt sich auf die Produktivität und somit auch auf die Unternehmensleitung aus: Personen, die häufiger Diskriminierung erfahren, gaben an, weniger innovativ, produktiv und empowert zu sein. Allerdings gibt es auch eine Vielzahl an LGBTIQ+-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die aus Angst vor Diskriminierung gar nicht erst offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen: Bei 38 % der Befragten war es aus Angst, dass sich Kolleginnen und Kollegen damit unwohl fühlen könnten, bei weiteren 36 %, dass sie stereotypisiert werden könnten. Dies zeigt, wie wichtig es ist, sich als Organisation bzw. Arbeitgeberin oder Arbeitgeber gegen Diskriminierung einzusetzen und für einen inklusive Kultur, auch am Arbeitsplatz, einzustehen.
Was Unternehmen und Führungskräfte hierfür tun können, hat die Gruppe selbst erarbeitet:
Zum Abschluss des Workshops gab es eine kleine Lesung: Jonas Wegener, Stipendiat des 23. Jahrgangs, hat eine seiner Kurzgeschichten, diesmal in Form eines Drehbuches, vorgetragen und mit Illustrationen per Beamer untermauert. Das Publikum lauschte der Story über Auswirkungen von Heteronormativität auf den Alltag von queeren Personen. Der feierliche Applaus am Ende galt jedoch nicht nur ihm, sondern dem gesamten Team der Initiative „BEAutiful“, die diesen Tag organisiert hatten. Weitere Veranstaltungen wie diese, auch mit Alumnae und Alumni als Zielgruppe, sind bereits in Planung. Also: Stay tuned!
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