IsraelAkademie 2022
Ein Reisebericht von Jonas Wegener
Für Studierende aus dem 21., 22. und 23. Jahrgang ging es dieses Jahr im Rahmen der AuslandsAkademie für 16 Tage nach Israel. Im Fokus der Reise standen insbesondere die lokale Start-Up-Szene sowie Einblicke in Politik, Kultur und Geschichte des Landes. Dieser Reisebericht soll einen Überblick über die zentralen Erlebnisse der Studierenden geben.
Tag 1: Cyber Tech in Be’er Sheva
Wir waren zu Besuch in Be’er Sheva, ungefähr eineinhalb Stunden südlich von Tel Aviv am Rande der Negev-Wüste. Dort lernten wir verschiedene Akteure aus dem Bereich Cyber Tech kennen, wie die Cyber Innovation Community Cyber7 oder FinSec, ein Early Stage Start-Up Innovation Lab im Bereich FinTech & Cyber. Lange Zeit galt allein Tel Aviv als Zentrum für Innovation und Startups in Israel. Be’er Sheva wurde trotz seiner (relativen) Nähe zu Tel Aviv lange Zeit als „ländlicher Raum“ mit wenig Potenzial betrachtet. Mit der Ansiedlung dieser Akteure soll einer Zentralisierung entgegengewirkt und Be’er Sheva international als „Cyber-Capital“ etabliert werden.
Auch die örtliche Ben-Gurion-Universität bietet einige Möglichkeiten der Startup-Förderung, wie zum Beispiel „Cactus Capital“, ein von Studierenden verwaltetes und universitätsinternes VC oder das Programm „Negev Prime“, bei dem Studierende die Möglichkeit bekommen, innerhalb eines Jahres ihren eigenen Online-Shop aufzubauen.
Tag 2: Wassermanagement und Nationalpark Ein Avdat
Der zweite Tag startete mit einem Ausflug zum Kibbuz Hatzerim, eine der ersten ländlichen Kollektivsiedlungen Israels, die sich von der traditionellen Landwirtschaft löste und ein Business eröffnete: Netafim, ein global agierender Hersteller von Tropf- und Mikro-Bewässerungstechnologien. Diese werden auch lokal für die Produktion von Jojoba-Öl eingesetzt, welches sich inzwischen in vielen Kosmetika, beispielsweise von L’oreal, befindet. Die Idee der Tropf- und Mikro-Bewässerungstechnologien entstand aus Bedarf, da es in der Region häufig bis zu acht Monate lang nicht regnet und der Boden sehr trocken und salzhaltig ist.
Am Nachmittag ging es weiter zum Nationalpark Ein Avdat und zum Grab von David Ben Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten und Ausrufer des Staates Israels im Jahre 1948. Anschließend fuhren wir ein Stück weit in die Wüste zu einem Gespräch mit einer Beduinin, die uns wertvolle Einblicke in ihre Kultur, insbesondere in die Konflikte zwischen traditioneller und moderner Lebensweise der Beduinen gegeben hat. Immer mit dabei: Tal, unsere unverzichtbare Reiseleiterin und Übersetzerin.
Tag 3: Ausgrabungsstätten und Totes Meer
Am nächsten Tag besuchten wir die Ausgrabungsstätten Masada und Kumran, in denen u. a. die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden wurden. Anschließend durften auch wir das Schweben im ca. 30 Grad warmen Meer genießen. Fun fact: Fast die gesamte Gruppe hat sich am Ende mit Schlamm vom Ufer eingecremt. Denn dieser Mineralschlamm gilt als Tiefenreiniger für die Haut.
Tag 4: Besuch beim INSS, ANU Museum und Drive TLV
Ein weiterer ereignisreicher Tag stand vor der Tür: Zunächst besuchten wir das Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv. Dort behandelten wir geopolitische (Sicherheits-) Fragen sowie Umfrageergebnisse der palästinensischen Bevölkerung zu Lösungsmöglichkeiten des Konfliktes mit Israel. Die eingenommenen Standpunkte sowie die Komplexität des Konfliktes kamen dabei relativ deutlich zum Vorschein.
Am Nachmittag waren wir zu Gast im ANU Museum of the Jewish People und lernten die Vielfalt jüdischer Lebensweisen kennen. Anschließend wurden wir von BEA-Alumnus Alexander Premm (22. JG) in das Büro von Drive TLV eingeladen, einem im Jahre 2017 gegründeten Smart Mobility Innovation Center. Auf der Agenda standen eine Vorstellung von und Diskussion mit drei Startups aus dem Drive-TLV-Ökosystem sowie Pizza, Kaffee und nette Gespräche.
Tag 5: Museum of Art und Gespräch mit Prof. Dr. Dani Kranz
Der fünfte Tag startete im Museum of Art & Art Road to Peace in Tel Aviv. Nach einer kurzen Einführung in die Projekte des Museums bekamen wir eine Führung und durften u. a. Werke von Urs Fischer und Maurycy Gottlieb bewundern. Anschließend trafen wir uns mit Prof. Dr. Dani Kranz, die uns als Sozialanthropologin sowohl zu einem besseren Verständnis der kulturellen Entwicklung Israels als auch der politischen Situation vor Ort verhalf. Festzuhalten ist: Spricht man in Israel über Kultur, kommt man um die Themen Religion und Politik nicht herum (und Vice versa). Am Abend hatten wir glücklicherweise noch Zeit, um den wunderschönen Sonnenuntergang über dem Mittelmeer anzuschauen.
Tag 6: Ein Tag zusammen mit israelischen Studierenden
Als nächster Programmpunkt stand der Besuch der Reichman Universität in Herzliya an. Diese bietet mit dem „Argov Fellows Program in Leadership and Diplomacy“ ein ähnliches Ausbildungsangebot wie die BEA. Gemeinsam mit den israelischen Studierenden verbrachten wir einen Tag in ihrer Uni mit Networking, Vorträgen (u. a. zu Herausforderungen heutiger Demokratien) sowie einer Gruppenaufgabe (wie wir die Herausforderungen unserer Zeit lösen). Den Abend verbrachten wir gemeinsam in einer gemütlichen Bar im Park mit reichlich Fingerfood und netten Gesprä chen.
Tag 7: Startup National Central und Olympia-Gedenkzeremonie
Die erste Woche endete mit einem Vortrag des Startup National Central, einer gemeinnützige Organisation, die das israelische Innovationsökosystem stärken und mit globalen Stakeholdern verbinden will. Eines ihrer Tools ist beispielsweise der „Start-Up Nation Finder“, einer Online-Plattform, über die man sich über Geschäftsmöglichkeiten in Israel informieren und mit wichtigen Akteuren in Kontakt treten kann. Im Anschluss an dieses Treffen fuhren wir zur offiziellen Gedenkzeremonie anlässlich des Olympia-Attentats in München vor 50 Jahren, bei der den 11 israelischen Opfern gedacht wurde, die 1972 von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Bei dieser eindrucksvollen Veranstaltung anwesend waren sowohl Angehörige, der israelische Präsident und IOC Präsident als auch der deutsche Botschafter.
Tag 8: Kranzniederlegung, Außenministerium und Besuch bei der KAS
Die zweite Woche in Israel begann mit einer Kranzniederlegungszeremonie im Haus München anlässlich des Olympia-Attentats in München vor 50 Jahren. Anschließend fuhren wir zum israelischen Außenministerium. Dort sprachen wir mit Diplomatin Sandra Simovich über die deutsch-israelische Beziehung, über einseitige Berichterstattung sowie über Konfliktmanagement. Darüber hinaus lernten wir mehr über Kooperationen Israels mit Staaten im Nahen Osten.
Nach diesem Besuch ging es weiter nach Jerusalem, wo wir mit Philipp Burkhardt und Dr. Beatrice Gorawantschy von der KAS über das Parteiensystems und die Wahlen Israels diskutierten. Zum Abend fuhren wir ins Deutsche Hospiz Jerusalem, in dem wir die darauffolgenden drei Nächte verbrachten. Dort angekommen empfingen wir im Rahmen eines Kaminabends Herrn Prof. Dr. Rutishauser (Delegat für Schulen und Hochschulen der Zentraleuropäischen Jesuitenprovinz), der uns die nächsten Tage unserer Reise begleiten sollte.
Tag 9: Yad Vashem und Synagogenbesuch an der Westmauer
Am nächsten Morgen besichtigten wir die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. Dieser Besuch zählte wohl zu den eindrucksvollsten der gesamten Israelreise. Besonders in Erinnerung bleiben wird der Anfang der Führung, bei der man einen Einblick in die Vielfalt des jüdischen Lebens vor Beginn des Holocausts bekommen konnte. Im Anschluss an die Führung besuchten wir den Herzlberg, bei dem unter anderem Theodor Herzl, der Begründer des modernen politischen Zionismus begraben liegt. Nachdem uns Herr Prof. Dr. Rutishauser am Nachmittag einen Einblick in die jüdischen Feiertage gab, gingen wir abends zum Schabbatbeginn gemeinsam zur Klagemauer. Aufgeteilt in eine Männer- und eine Frauengruppe durften wir für eine kurze Zeit eintauchen in jüdischen Sitten und Bräuche.
Tag 10: Ölberg, Bethlehem und Caritas Baby Hospital
Ein weiterer ereignisreicher Tag stand vor der Tür: Zunächst besuchten wir die Himmelfahrtsgedenkstätte, Eleonakirche sowie weitere religiöse Stätten auf dem Ölberg. Anschließend fuhren wir zu einem Mittagessen mit der Palästinenserin Faten Mukarker nach Ostjerusalem. Dort erzählte sie von ihren alltäglichen (Diskriminierungs-)Erfahrungen und von ihrem Job in der Traumaarbeit mit Palästinenser*innen. Unser nächster Stopp führte uns nach Bethlehem, genauer ins Caritas Baby Hospital, dem einzigen Kinderkrankenhaus in ganz Westjordanland. Während eines Vortrags erfuhren wir, in welch schwieriger Situation sich das Krankenhaus befindet: Weniger Spendengelder seit Covid-19, viele Erbkrankheiten in der Region und nur alle zwei Wochen Wasser aus Israel.
Im Anschluss an den Vortrag wurde die gesamte Gruppe eingeladen, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Das Abendprogramm fand wieder im Deutschen Hospiz statt: Eine Begegnung mit dem Elijah Interfaith Institute, einer NGO, die Persönlichkeiten aus den verschiedensten Religionen zusammenbringt, um eine Plattform für Gedankenaustausch zu bieten.
Tag 11: Haram al-Sharif und Breaking the Silence
Nach einem herzlichen Abschied vom Deutschen Hospiz ging es für die Gruppe auf die andere Seite des Tempelbergs, und zwar zu einer Führung mit der Islamwissenschaftlerin Prof. Neuwirth. Wir besuchten den Dom und die Al-Aqsa Moschee (zumindest von außen) und bekamen einen guten Einblick in die Geschichte des Islams. Anschließend hatten wir Zeit, um über den Markt zu laufen und den Geruch bzw. Geschmack von Granatäpfeln, Gewürzen und Falafel zu spüren.
Als nächstes ging es zurück nach Tel Aviv zur NGO „Breaking the Silence“, die von Veteranen des israelischen Militärs gegründet wurde mit dem Ziel, israelischen Soldat*innen und Reservist*innen die Möglichkeit zu geben, vertraulich über ihre Erfahrungen in den besetzten Gebieten zu berichten. Neben einigen Erfahrungsberichten, die wir zu hören bekamen, diskutierten wir über die Themen Sicherheit und Konfliktmanagement. Nach diesem Besuch fuhren wir weiter nach Tiberias.
Tag 12: See Genezareth und Golan-Höhen
Unser nächster Tag begann mit einem Besuch des Heilig-Land-Vereins am See Genezareth. Dort erzählte uns Dr. Georg Röwekamp mehr von den Projekten des Vereins. Daraufhin besichtigten wir den Tell Dan und die archäologische Stätte Kafarnaum. Immer mit dabei Herr Dr. Rutishauser, unser Reisebegleiter und Tourguide für diese Zeit. Auf dem Rückweg hielten wir auf einem ehemaligen Stütz- und heute Aussichtspunkt auf den Golan-Höhen. Von dort konnte man einen Blick bis nach Damaskus, Syrien einfangen.
Tag 13: Haifa, Akko und Nazareth
Drei Städte, ein Tag. Los ging es in Haifa, einer Hafenstadt am Mittelmeer im Norden Israels. Dort sollten wir die wunderschönen Gärten der Bahai besichtigen, die jedoch zu dem Zeitpunkt, an dem wir ankamen, leider geschlossen hatten. Nichtsdestotrotz wurde uns ein toller Blick über den Hafen geboten.
Nicht weit entfernt lag die Stadt Akko, in der wir nach einem reichlichen Mittagessen eine Ausgrabungsstätte der Tempelritter und den lokalen Bazar bestaunten. Am Nachmittag fuhren wir nach Nazareth, um die Mariä Verkündigungskirche zu besuchen. Zurück im Hotel stand der „bunte Abend“ auf dem Programm, eine Mischung aus Reiserückblick, Challenges bzw. Spielen und einer ganzen Menge Spaß. Darunter auch eine wilde „Reise nach Jerusalem“.
Tag 14: Hylabs und gemeinsamer letzter Abend
Unsere IsraelAkademie neigte sich langsam, aber stetig dem Ende zu. An unserem vorletzten Tag fuhren wir zurück nach Tel Aviv. Zunächst besuchten wir die Altstadt Jaffa, in der sich viele Künstler*innen niedergelassen haben. Daraufhin fuhren wir zum BioTech-Unternehmen Hylabs. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung wurden wir in Gruppen durch das Gebäude und die Labore geführt und konnten u.a. hautnah bei der Produktion von Petrischalen dabei sein. Die Stimmung war eher familiär, auch das Gründerehepaar sehr nahbar. Für unseren letzten Abend wurde ein Bar-Besuch in der Nähre des Strandes geplant, zu dem auch Herr Schmerz sowie die Studierenden des Argov-Fellow-Programms eingeladen waren. Es war ein schöner Ausklang dieser aufregenden Reise.
Tag 15: LGBTIQ+-Stadttour und Abschied
Für den letzten Tag hat sich die Initiative „BEAutiful“ überlegt, eine Stadttour rund um das Thema LGBTIQ+ in Israel zu organisieren. Diese bestand aus historischen Fakten, Quizfragen und Challenges für die Teilnehmenden. So galt es u.a. herauszufinden, seit wann Homosexualität in Israel nicht mehr unter Strafe steht, seit wann es den ersten CSD in Israel gab oder wie viele queere Bars es in Tel Aviv gibt. Wir lernten sowohl über die Erfolge der letzten Jahrzehnte als auch über aktuelle Missstände und Herausforderungen für queere Menschen im Land. Insgesamt war es ein bunter Abschluss für eine bunte Reise, die am Flughafen in Tel Aviv ihr Ende nahm. Dort angekommen, verabschiedeten wir uns voneinander, zumindest bis aufs Nächste.
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