„Sorgfalt vor Schnelligkeit – unsere Währung ist Vertrauen.“

Unsere Alumnae und Alumni sind nach ihrer Zeit bei der BEA erfolgreich in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur tätig und profitieren auch noch nach ihrer Weiterbildung von der interdisziplinären Gemeinschaft aus aktiven und ehemaligen Studierenden der BEA.

In der Interviewreihe #nachgefragt stellen wir unsere Alumnae und Alumni vor und erfahren, wohin ihr Weg sie nach der BEA geführt hat und wie sie sich an ihre Zeit bei uns erinnern.

Wir freuen uns, dieses Mal mit Dr. Alice Fišer zu sprechen. Sie war Teil des ersten BEA-Jahrgangs und hat seitdem eine beeindruckende Laufbahn zwischen Politik, Kommunikation und internationaler Strafverfolgung hingelegt. Heute leitet sie die Unternehmenskommunikation bei Eurojust – der EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit. Im Interview spricht sie über verantwortungsvolle Führung in einem hochsensiblen Umfeld, über Kommunikationsarbeit zwischen Vertraulichkeit und öffentlichem Interesse – und über das, was sie aus ihrer Zeit bei der BEA bis heute prägt.

Hallo Alice! Du warst Teil des allerersten BEA-Jahrgangs. Wie hat diese frühe Erfahrung deine Haltung als Führungspersönlichkeit geprägt – und welchen Einfluss hatte sie auf deine spätere Karriere in europäischen Institutionen?

Die BEA war damals anders als heute: Nur 16 Studierende im ersten und einzigen Jahrgang, keine AuslandsAkademien, dafür die Pflicht zu einer englischsprachigen Projektpublikation im Springer-Verlag. Wir fühlten uns ein wenig wie Pioniere – auch weil der Name der Stiftung nicht nur „reizvoll“ sondern auch erklärungsbedürftig war. Außerdem gehörte ich als Politikwissenschaftlerin nicht zur eigentlichen Zielgruppe der BEA, die sich damals noch vornehmlich an Natur- und Ingenieurwissenschaftler richtete. Ich konnte aber durch charmante Hartnäckigkeit überzeugen (lacht). Ich freue mich, damit auch vielen weiteren Geisteswissenschaftler/-innen den Weg geebnet zu haben.

Rückblickend betrachtet wurden viele der Inhalte meiner Weiterbildung erst im späteren Berufsleben wirklich wichtig, insbesondere in Führungspositionen. Das psychologisch fundierte Wissen von Prof. Dieter Frey – wie etwa „weich zum Menschen, hart in der Sache“ – prägt mich bis heute.

Als Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Eurojust bewegst du dich zwischen Justiz, Politik und Öffentlichkeit. Was sind die größten Herausforderungen in diesem Spannungsfeld – und wie begegnest du ihnen?

Ich habe schon in vielen Kommunikationsabteilungen gearbeitet und auch einige geführt. Im Gegensatz zu Themen wie Innovation oder Klimawandel ist Kommunikation im Bereich des internationalen Strafrechts besonders sensibel. Staatsanwälte wie auch ihre Ermittlungen zu schwerer grenzübergreifender Kriminalität – etwa Menschenhandel, Drogenhandel oder Geldwäsche – sind naturgemäß öffentlichkeitsscheu, um Verfahren und auch Personen nicht zu gefährden. Deshalb können wir oftmals das große mediale Informationsbedürfnis an unserer Arbeit nicht befriedigen, obwohl es gerade in der heutigen Zeit so wichtig ist, Bürgern zu zeigen, wie Europa konkret zu ihrer Sicherheit beiträgt.

Grundsätzlich ist viel Fingerspitzengefühl gefragt: Takt- und Sachkenntnis erlauben uns über Ermittlungen zu berichten, ohne sie zu gefährden – besonders herausfordernd ist im Moment die Kommunikation zu den Ermittlungen der Kriegsverbrechen in der Ukraine.

Viele kennen Eurojust nur dem Namen nach – was macht die Agentur konkret, und wie leistet sie einen Beitrag zu einem sicheren Europa?

Eurojust ist die EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen und wir sind – in aller Bescheidenheit – weltweit einzigartig. Wir unterstützen Staatsanwälte und Richter aus der gesamten EU und einigen Drittstaaten mit maßgeschneiderten Dienstleistungen in ihrer grenzüberschreitenden Strafverfolgung und ermöglichen Ihnen einen Zugang zu über 70 Justizsystemen weltweit. Organisierte Kriminalität agiert heute global. Sie bewegt sich frei, kennt keine Grenzen und weiß juristische Lücken auszunutzen.

Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit zwischen 27 Justizsystemen komplex ist. Ein Staatsanwalt darf zunächst nur in seinem Land ermitteln. Strafverfolgung darf aber nicht an nationalen Grenzen scheitern. Eurojust koordiniert Ermittlungen, unterstützt gemeinsame Ermittlungsgruppen und organisiert internationale Aktionstage für Festnahmen und Durchsuchungen. Unsere Hilfe führt jährlich zu tausenden Festnahmen und Milliarden an sichergestelltem Vermögen. Eurojust war z. B. am Koblenz-Prozess beteiligt – dem ersten Verfahren weltweit zu syrischer Staatsfolter – sowie an Ermittlungen zu prominenten internationalen Fällen wie Telegram-Gründer Pawel Walerjewitsch Durow.

Wie lässt sich verantwortungsbewusste Führung im Kontext einer europäischen Strafverfolgungsbehörde konkret leben – und woran misst du ihren Erfolg?

Verantwortungsbewusste Führung bei Eurojust bedeutet, Entscheidungen transparent, regelkonform und im Sinne europäischer Werte zu treffen. Für mich ganz persönlich handelt es sich um verantwortungsvolle Führung, wenn Mitarbeitende mit Freude zur Arbeit kommen, motiviert sind, Ziele klar verfolgen und Entscheidungen nachvollziehbar bleiben. Im internationalen Kontext ist kulturelles Feingefühl immer ein Muss. Sie zeigt sich auch im respektvollen Umgang mit meinen direkten Kollegen der Partnerbehörden, die ebenfalls bei uns vor Ort arbeiten.

In unserem Bereich ist es wichtig, sehr sorgfältig und fehlerfrei zu arbeiten und viele Eventualitäten zu berücksichtigen. Da die gegnerische Partei stets nach Fehlern sucht, kann jeder Fehler in der Kommunikation Strafverfahren gefährden. Daher gilt: Sorgfalt vor Schnelligkeit. Die „Währung“ unserer Arbeit ist Vertrauen. Erfolg misst sich nicht allein an Fallzahlen, sondern daran, ob Zusammenarbeit gestärkt und Vertrauen aufgebaut wurde.

In Zeiten von Desinformation und wachsendem Misstrauen gegenüber Institutionen: Wie kann Kommunikation Vertrauen schaffen – besonders im sensiblen Bereich der Justiz?

Wir orientieren unsere Kommunikation an Prinzipien wie Integrität, Verantwortung und Respekt und arbeiten mit vielen Journalisten sehr vertrauensvoll und gut zusammen. Dennoch können wir Medienanfragen häufig nicht beantworten, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden.

Um unsere Arbeit und deren Mehrwert publik und bekannt zu machen, begeben wir uns mindestens ein bis zweimal im Jahr zu Publikumsveranstaltungen, wie zum Beispiel den Welthafentagen in Rotterdam oder dem Tag der Offenen Tür bei den EU –Behörden in Brüssel. Dort übersetzen wir unsere komplexe Arbeit durch Gamification in einfache Spiele. Auch in den Sozialen Medien sind wir aktiv und versuchen mit audiovisuellen Inhalten unsere Arbeit darzustellen. Trotz all dieser Bemühungen ist es oftmals schwer, gegen die Flut an Fake News anzukommen – wir bleiben aber dran.

Was wünschst du dir für die nächste Generation junger Führungspersönlichkeiten – und welchen Rat würdest du ihnen mitgeben?

Ich wünsche mir, dass die nächste Generation junger Führungspersönlichkeiten mutig, empathisch und werteorientiert handelt. Mein Rat: Hört zu bevor ihr entscheidet, seid neugierig, und bleibt euch selbst treu – Führungsstärke zeigt sich nicht in Lautstärke, sondern in Klarheit, Integrität, Menschlichkeit und auch Beharrlichkeit.

Letzte Frage: Wie beschreibst Du die BEA?

Verantwortung übernehmen. Führung gestalten. Zukunft bewegen.

Weiterführende Links:

© Dr. Alice Fišer

Exzellenz.Verantwortung.Wirkung.