„Als Leaderin muss man immer vorbereitet sein auf Veränderung.“

Seit über zwei Monaten herrscht Krieg in der Ukraine - ein Konflikt, dessen Auswirkungen wir alle spüren und der einige unter uns auch direkt und persönlich betrifft. Daryna Kechur, 24, kommt aus Lwiw, Ukraine. Sie studiert Humanmedizin im 12. Fachsemester an der LMU, promoviert im Bereich der Klinischen Immunonkologie und ist Stipendiatin der Bayerischen EliteAkademie. Seit 2016 lebt sie in München und gründete nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft die Organisation „Teaching Medical Skills“. Diese soll die Qualität der medizinischen Ausbildung in der Ukraine verbessern. Sie arbeitet eng mit Vereinen wie der Ukrainischen Ärztevereinigung in Deutschland e.V. zusammen und engagiert sich darüber hinaus bei der Koordination und Organisation von medizinischen Hilfsgüterlieferungen in die Ukraine. Wir haben mit ihr über den grausamen Krieg in der Ukraine, ihr starkes Engagement und die Rolle heutiger Leaderinnen und Leader gesprochen.

Liebe Daryna, du bist in der Ukraine geboren und erst vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Wie blickst du auf deine Jahre in deiner Heimat zurück?

Das war für mich eine sehr glückliche Zeit, auf die ich gerne zurückblicke. Die Ukraine ist seit 30 Jahren unabhängig, anders kenne ich das Land nicht. Zwar habe ich natürlich von meinen Eltern und Großeltern viel über die Vergangenheit in der Sowjetunion gehört, persönlich bin ich aber Teil der Generation, die in einer unabhängigen Ukraine aufwachsen konnte. Das ist auch der Grund, warum ich mich jetzt so stark für mein Heimatland einsetze – damit auch die nächsten Generationen die unabhängige Ukraine erleben können.

2016 bist du dann nach Deutschland gezogen. Warum?

Bereits zu meiner Schulzeit hatte ich erweiterten Deutsch- und Englischunterricht und hatte immer Lust, die Welt kennenzulernen. Als ich dann im zweiten Semester Medizin studierte, bewarb ich mich an drei großen Universitäten in Deutschland. Mein Ziel war es eigentlich nur ein Jahr zu bleiben, vielleicht ein Stipendium zu bekommen und eine tolle Auslandserfahrung zu machen. Jetzt bin ich inzwischen seit sieben Jahren in München und promoviere (lacht). Es sollte wohl so sein!

Du promovierst ja nicht nur in Medizin, sondern engagierst dich zusätzlich auch ehrenamtlich. Was liegt dir besonders am Herzen?

Schon in der Ukraine habe ich mich ehrenamtlich betätigt und mit befreundeten Medizinstudierenden darüber nachgedacht, wie die medizinische Ausbildung in der Ukraine noch zu verbessern wäre. Wir planten Vorlesungen mit hochkarätigen Professorinnen und Professoren, wussten da aber schon, dass das eher eine punktuelle Wissensvermittlung ist. Was wir wirklich erreichen wollten, war die Verbesserung des medizinischen Ausbildungssystems.

Als ich dann nach Deutschland kam und das erste Mal von Tutorien hörte, war ich begeistert! Ich wollte diese Art des Lernens in der Ukraine bekannt machen und eine internationale Zusammenarbeit ermöglichen.

Und 2017 habt ihr dann die Organisation „Teaching Medical Skills“ ins Leben gerufen…

Genau! TMS besteht aus Studierenden der Humanmedizin an ukrainischen und deutschen Universitäten. Wir bieten Tutorien von Studierenden für Studierende an und studieren gemeinsam Anatomie, Physiologie, Biochemie und Neurowissenschaften. Dabei analysieren wir, wie die Bildungssysteme in verschiedenen Ländern funktionieren und versuchen, dieses Wissen in unsere Ausbildung ukrainischer Fachkräfte zu implementieren. Durch die großzügige Unterstützung der DAAD und durch private Mittel in Höhe von 30.000 € ist es uns gelungen, innerhalb der letzten fünf Jahre 50 Fachkräfte erfolgreich auszubilden. In unseren einzelnen Tutorien sitzen inzwischen sogar bis zu 300 Gäste.

Unser Ziel ist es, auch mit der ukrainischen Politik zusammenzuarbeiten und so einen strukturellen Wandel des Ausbildungsplans mitzugestalten. Unsere Kontakte und Kooperationen mit internationalen Universitäten und Kliniken wie zum Beispiel der Cornell University in New York oder der Harvard Medical School helfen uns dabei. Allerdings wurden unsere Gespräche mit dem ukrainischen Ministerium durch den Krieg gestoppt…

Der Krieg in der Ukraine lastet schwer auf uns allen und lässt uns oft Hilflosigkeit fühlen. Du bist nach Kriegsbeginn schnell aktiv geworden und bist inzwischen die Koordinatorin für Sachspenden in Bayern der Ukrainischen Ärztevereinigung Deutschland e.V. Wie kam es dazu?

Ich möchte zunächst festhalten, dass der Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 kein überraschender Schock für uns Ukrainerinnen und Ukrainer war. Wir haben schon Monate vor Kriegsbeginn dagegen demonstriert und protestiert, es war leider absehbar, dass es zum Angriffskrieg durch Russland kommen wird. Natürlich erschüttert uns die herrschende Gewalt dennoch.

Eins war für mich aber von Anfang an klar: Tatenlos kann und will ich nicht sein. Gemeinsam mit Freundinnen und Freunden, Kommilitoninnen und Kommilitonen habe ich mir Gedanken gemacht, welchen Beitrag wir leisten können. Zwar sind wir noch keine fertig ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte, aber wir kennen uns dennoch aus im medizinischen Bereich. Dazu kam, dass wir in Deutschland die Möglichkeit haben, Gelder und Sachspenden zu akquirieren. Schnell kam dann die Zusammenarbeit mit der Ukrainischen Ärztevereinigung Deutschland e.V. zustande.

Zur oft verspürten Hilflosigkeit möchte ich sagen, dass das ein ganz normales Gefühl ist, wenn man ein Mensch mit Gewissen ist. Und oft ist man nicht so hilflos, wie man sich fühlt: man kann Essen, Hilfsgüter oder Geld spenden. Wenn man die Möglichkeit hat, kann man Geflüchtete aufnehmen und – am allerwichtigsten – überhaupt darüber sprechen und sich solidarisch zeigen. Es ist jetzt wichtiger denn je, die Erlebnisse und Perspektiven anderer wahr- und ernst zu nehmen. Wie bereits erwähnt, war uns Ukrainerinnen und Ukrainern schon lange vor dem 24. Februar 2022 bewusst, dass es zum Krieg kommen könnte. Außerhalb der Ukraine war das aber noch keine reale Gefahr, wurde lange nicht ernst genug genommen. Diese Situation zeigt: es gibt nicht nur eine Wirklichkeit in der Welt, sondern viele verschiedene Perspektiven. Wir alle können nur davon profitieren, anderen aktiv zuzuhören und auch über die eigenen Standpunkte und Meinungen zu reflektieren.

Welche Spenden oder Hilfsgüter werden aktuell am Dringendsten benötigt?

Inzwischen ist ein Basisbedarf an Medikamenten gedeckt, wir arbeiten jetzt hauptsächlich noch punktuell. Was jetzt aber wirklich wichtig ist: Medizinische Geräte wie mobile Röntgen- oder Ultraschallgeräte, Defibrillatoren, Infusomate, Narkosegräte, aber auch Sanitätswagen.

Du leistest viel und scheinst, bei allem was du tust, vor allem das Thema Leadership sehr ernst zu nehmen. War das schon immer so?

Ja, natural Leadership war schon immer ein Thema in meinem Leben – ob in der Schule, im Studium oder in ehrenamtlichen Projekten. Wenn ich sehe, dass ich mit meiner Expertise etwas beitragen kann, mache ich das. Auch habe ich keine Angst davor, Entscheidungen zu treffen und stehe zu meinem Wort. Ich ergreife gern Initiative, um etwas zu schaffen. Das liegt mir einfach.

Und da es mir sehr viel Spaß macht, über Konzepte nachzudenken und mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, die etwas in der Welt verbessern wollen, will ich unbedingt Leaderin sein und werden.

Ist das auch der Grund, wieso du dich bei der Bayerischen EliteAkademie beworben hast?

Ich bin der Meinung, dass Verantwortung nicht aus einem Wunsch nach Reichtum oder Prestige heraus übernommen werden sollte, sondern deshalb, weil man die Zukunft mitgestalten will. Durch die Medizin kann ich später einmal das Leben einzelner Person positiv beeinflussen. Ich will den Bogen aber weiter spannen und das System verbessern. Das geht am besten, wenn man in einer Führungsposition ist. Da die BEA Verantwortung und Führung verbindet, schien es mir wie das ideale Stipendium für mich und meine Ziele.

Und wie blickst du jetzt auf deine Zeit bei uns zurück?

Als ich mich bei der BEA beworben habe, wusste ich noch nicht, dass der Begriff „Elite“ in Deutschland so negativ konnotiert ist. Meiner Meinung nach reden wir zu viel darüber, was Eliten sind oder nicht sind. Vielmehr sollten wir der Gesellschaft durch unsere Taten zeigen, dass Elite etwas durchaus Positives sein kann!

Bei der BEA hat mir von Anfang an gefallen, wie Menschen unterschiedlichster Überzeugungen – ob politischer oder religiöser – offen und frei miteinander diskutieren können und wie oft wir dabei auch zu konstruktiven Lösungsansätzen gekommen sind. Und das ist einer der ersten Schritte in Richtung verantwortungsvolles Leadership: Wachsam sein. Veränderungen erst nehmen. Und dann muss man den Mut haben, zu handeln. Die Welt verändert sich permanent. Als Leaderin oder Leader müssen wir immer vorbereitet sein auf Veränderung.

Herzlichen Dank für dieses bereichernde Gespräch!

Weiterführende Links:

Teaching Medical Skills

Ukrainische Ärztevereinigung in Deutschland e.V.

Bild ©: Steffen Hartmann, Stabsstelle Kommunikation und Medien, LMU Klinikum

So können Sie Daryna unterstützen:

Daryna und ihre Organisation sind dauerhaft auf Spenden, und zwar in diesem Falle medizinische Sachspenden, angewiesen. Wenn Sie direkten Zugang oder Kontakte haben, die Daryna und die UÄVD unterstützen können, dann kommen Sie jederzeit auf Daryna zu. Durch Kontakte in den Kriegsgebieten hat sie direkten Zugang zu Informationen und Prioritäten über Bedarfe.

Kontaktdaten:
Mail: daryna.kechur@med.uni-muenchen.de oder daryna.kechur@eliteakademie.de
Tel.: +49 173 44 585 11

Wir freuen uns, dass unser BEA-Netzwerk so aktiv ist!

Unser Alumnus Torben Hüsing (19. Jahrgang) konnte gemeinsam mit der Firma Evonik 500 Einheiten epicite hydro Wundauflagen (Anwendungsgebiet: Verbrennungen) spenden, die bereits im Lager der Ukrainischen Ärztevereinigung angekommen sind.

Auf dem Bild zu sehen: Koordinatorin für Sachspenden in München Solomiia Moroz (links) und Daryna Kechur (rechts).

Auch konnte Niclas Heun (23. Jahrgang) Kontakt zum Augustinum Klinikum in München herstellen. So wurden 2 Röntgen-Geräte und ein Ultraschallgerät gefunden. Die beiden Röntgengeräte haben mittlerweile das Donetsk Gebiet erreicht: das eine hilft in einem Militärspital in Pokrovsk, das zweite - in einer kleinen Klinik in der Stadt Myrnohrad.

Exzellenz.Verantwortung.Wirkung.