Start: Feldkirchen-Westerham. Ziel: Selbst.

Text: Jonas Wegener / Fotos: Tanina Schlieker

19.04.2022

Es begann mit einer Zugfahrt. Von Feldkirchen-Westerham nach Innsbruck. Von der IHK-Akademie zum Jesuiten-Kloster. Vom Reden zum Schweigen. Und wieder zurück.

Westerham: Koffer oder Rucksack gepackt und los ging es. Zuvor wurde der 23. BEA-Jahrgang in zwei Gruppen á 20 Personen aufgeteilt. Die erste Gruppe fuhr am einen, die zweite Gruppe am darauffolgenden Wochenende, jeweils für knapp vier Tage. Aufgeregt unterhielten wir uns, guckten aus dem Fenster des Zuges. Auf die Berge, die immer näherkamen. In der Hoffnung, auch unserem Selbst in diesen vier Tagen näher zu kommen.

Innsbruck: Ein kurzer Weg vom Bahnhof bis zum Kloster. In weniger als 10 Minuten erreichten wir den zentral gelegenen, dennoch recht ruhigen Rückzugsort. Uns erwartete traumhaftes Wetter: wolkenloser Himmel und endloser Sonnenschein, der die Kirschbäume im Innenhof des Klosters zum Blühen, ja mit den zahlreichen Bienen und Hummeln sogar zum Erklingen brachte. Auch an einem Ort der Stille gab es also etwas zu hören.

Das erste gemeinsame Schweigen

Nach einer Begrüßung durch die Gastgeberinnen und Gastgeber ging es auf die Zimmer, ringsum verteilt im Kloster. Das erste gemeinsame Schweigen trainierten wir auf einer Gruppenwanderung, die hinauf zur Nordkette führte, stets entlang eines Bachlaufes. Die Aufgabe war jedoch nicht nur zu schweigen, sondern während des Schweigens unsere Sinne zu schärfen. Für zehn Minuten sollten wir uns allein auf unser Hören fokussieren, für weitere zehn Minuten auf unser Riechen. Vom leisen Plätschern des Wassers bis hin zum markanten Duft der Nadelbäume. Fühlen konnten wir den Waldboden unter unseren Füßen, die Baumrinden an den Fingern oder die Sonnenstrahlen auf unserem Gesicht. Schmecken durften wir zum Abschluss der Wanderung ein gewürztes Knäckebrot, an der sich die gesamte Gruppe geschmacklich und zugleich akustisch erfreute.

Bevor das offizielle Schweigen am ersten Abend eingeläutet wurde, sprachen wir mit unseren Begleitpersonen im Jesuiten-Kloster über das Thema Glaube. Dabei zeigten sich diverse Beziehungen zum Glauben und zur Institution Kirche in unserer Gruppe: Für einige von uns spielen Glaube und Kirche auch heute noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Andere wiederum hatten bisher keine oder nur wenige Bezüge zur Kirche. Anfangs waren unsere Gastgeber von diesen diversen Hintergründen überrascht. Doch sie haben sich sichtlich bemüht, uns allen in den nächsten Tagen den nötigen Freiraum zu geben. Freiraum, um für einen Moment innezuhalten. Um bei sich selbst sein zu können. Um man selbst zu werden.

„Ich bin so und nicht anders“

Doch was heißt das eigentlich, man selbst zu werden? Der Begriff Selbstwerdung, auch Individuation genannt, stammt vom schweizerischen Psychiater C. G. Jung und verdeutlicht einen Prozess, in dessen Verlauf sich das Bewusstsein der eigenen Individualität zunehmend verfestigt. Individualität meint dabei die Summe der Eigenschaften und Merkmale, die die Besonderheit eines Menschen ausmachen. Es geht also darum, sich selbst zu (er)kennen. Und dafür braucht es eben manchmal Schweigen. Oder Meditation. Oder beides.

Schweigen heißt aber nicht automatisch Stille. Schweigen kann auch heißen, seinen Kopf in Kirschblüten zu stecken und sich vom Summen und Brummen der vielen Bienen einhüllen zu lassen. Oder fremden Leuten beim Wandern zurückzugrüßen. Denn primär geht es darum, bei sich zu sein. Auf sich selbst zu hören. Sich mit sich selbst zu beschäftigen. In unser kollektives Schweigen sind wir mit einer gemeinsamen, angeleiteten Meditation gestartet. Danach ging es erstmal ins Bett.

Umwendung zum Selbst

Der nächste Tag begann in ungewohnter Stille. Auf der Dachterrasse des Klosters, umgeben von schneebedeckten Bergen, grüßten wir die aufgehende Sonne und aktivierten unseren Körper mit ein paar Leibesübungen. Es folgten Frühstück, Meditation, Mittagessen, Meditation, Abendessen, Meditation, und zwischendrin die Möglichkeit, Einzelgespräche mit den Betreuerinnen und Betreuern zu führen. Dabei handelte es sich um ein Angebot, mit dem Schweigen zu brechen, um über das Schweigen zu sprechen. Über das, was uns vielleicht schwergefallen ist, was uns beschäftigt hat.

In jeder Meditation gab die anleitende Person einen kleinen Impuls in die Runde, sei es ein Zitat oder eine kleine Geschichte. Oder ein Wort, über das wir nachdenken sollten. Danach ging es mit diesen Impulsen in den restlichen Tag. Doch die Zeit verging schnell, und schon bald hieß es, Abschied zu nehmen. Mit dem letzten Frühstück endete das Schweigen. Wir saßen im Stuhlkreis und gaben jeder Person kurz Zeit, um abschließende Worte mit der Gruppe zu teilen. Bei manchen war es ein Gedicht, bei anderen wiederum ausgesprochene Dankbarkeit für diese unvergessliche Zeit in Innsbruck.

Es war eine besondere Zeit, in der anstelle von lautstarken Gesprächen kollektives Schweigen dominierte. In der uns neue Impulse mit auf den Weg gegeben wurden. In der wir aktiv unser (Sinnes-)Bewusstsein geschärft haben. Es war eine freie Zeit, die uns ermöglichte, uns selbst für einen Moment aus der Welt herauszunehmen, um im Anschluss eine neue Perspektive einnehmen zu können. Auf uns selbst und auf Andere. Auf die Welt, in der wir leben. Der idyllische Rückzugsort in Innsbruck hat dabei sicherlich geholfen. Doch eigentlich ist alles, was wir brauchen, in uns selbst. Und mit dieser Erkenntnis ging es zurück nach Westerham.

Exzellenz.Verantwortung.Wirkung.